Eigene Lyrik, Fotos und Bilder




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11. Dezember 2007

Weihnachtliche Szene III




Es ist Nachmittag eines Wintertages. Die Dunkelheit ist früh hereingebrochen, hüllt das Land in Schweigen. Im Dorf sind die Schaufenster der kleinen Läden erleuchtet. Tannengrün und Sterne schmücken die Auslagen. Das Haushaltwarengeschäft hat Services aus feinem Porzellan ins Schaufenster gestellt, das Kristallglas daneben glitzert im Kerzenschein.
Im Spielwarengeschäft fährt eine Märklin-Spielzeug-Eisenbahn einsame Runden auf kunstvoll gestalteter Platte.
Auf der schmalen Straße, die durch den Ort führt, fahren wenige Autos. Vereinzelte Straßenlaternen am Straßensaum verbreiten ein spärliches Licht. Aus dem Stall des Bauernhofes, mitten im Dorf, steigt der warme Dunst der Tiere in die klirrend kalte Luft.

Die Zwillinge haben ihre Wintermäntel angezogen und dicke Mützen über die Ohren, die Handschuhe, befestigt an einer gehäkelten Kordel, schützen die kleinen Finger. Lediglich ein schmaler Streifen Haut oberhalb des Strumpfendes bietet der Kälte Raum, als sie aus dem Lutherhaus treten, in dem ihre Kindergartengruppe Heimat fand.
Heute hat die Mutter sie abgeholt, rechts und links hält sie einen Zwilling fest an der Hand. Diese hüpfen übermütig, dass die Butterbrottaschen lustig im Takt schwingen.
Sie gehen den Berg hinauf und an der anderen Seite herunter, aus dem Dorf heraus. Am Ortsende wird es dunkler, nur die Fabrik im Tal wirft Lichterschein auf die Straße. Dort arbeitet der Vater. Ihn besuchen sie manchmal, gemeinsam mit dem älteren Bruder, um ihm bei seiner Spätschicht das Essen in einem Henkelmann zu bringen, den die Mutter in Tücher gewickelt in eine Tasche gestellt hat.
Doch heute lassen sie das Firmengebäude links liegen, biegen ab auf die Straße, die wieder bergwärts führt. Hier stehen 4 Häuser in einer Reihe. In einem wohnt ein Mädchen, fast so alt wie die Zwillinge, das besuchen sie manchmal, um mit ihr im Garten zu spielen. Auch heute bleiben sie vor dem Haus stehen. Geheimnisvoll senkt die Mutter ihren Kopf zu den Zwillingen: „Heute werden wir eine ganz große Überraschung erleben.“ flüstert sie geheimnisvoll. Schon klingelt sie an der Haustür. Der Untermieter öffnet die Tür und bittet sie herein, führt sie in sein kleines Wohnzimmerchen. Dort sitzen das Mädchen und seine Eltern am Wohnzimmertisch. Der Raum ist etwas verdunkelt. Am Endes des Raumes steht etwas Unbekanntes auf einem Tischchen: ein dunkler Kasten, auf dessen Bildschirm schwarz-weiße Bilder laufen. Der erste Fernseher, den die Drei sehen. Es ist der erste Fernseher überhaupt, in dem kleinen Dörfchen. Die Zwillinge sind sprachlos vor Staunen. Mit großen Augen schauen sie auf den Film, stehen brav rechts und links an den Händen der Mutter. So etwas haben sie vorher noch nie gesehen. Auch die Mutter ist fasziniert. Für eine Weile dürfen sie schauen, dann ist der Film schon zu Ende. Nun verabschiedet sich die Mutter. Die Zwillinge wären gern geblieben, lassen sich nur zögernd aus dem Zimmer ziehen. Sie dürfen wiederkommen, das ist versprochen. Dann dürfen sie Peterchens Mondfahrt im Fernsehen sehen.
Der dunkle Hohlweg ist nun voller Zauber. Die Zwillinge haben die Sprache wiedergefunden, die Wörter überschlagen sich in ihrer Begeisterung.

(c) Annette Gonserowski

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