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13. Dezember 2007

Weihnachtliche Szene VI


Rathaus in Wien

Die Kärntner Straße ist weihnachtlich geschmückt. Viele Menschen sind an diesem Freitag vor dem ersten Advent unterwegs.
Sie reihen sich in den Strom der eilenden Menge ein.
Zum ersten Mal in Wien!
In Wien ,dieser Stadt ihrer Träume. Wien, Stadt der tanzenden Pferde, der Kaiser und Könige, der rauschenden Ballkleider, Stadt der Dichter und Maler. Wien, Schmelztiegel von Ost und West, Ursprung der Kunst und des Grauens- Wien, Stadt der Träume.
Sie lassen sich treiben in Richtung des Stephansdomes, der erhaben inmitten des ersten Bezirks steht - in seiner Nähe die vielen Kirchen: die Peterskirche, die Franziskanerkirche, die des Deutsch Ordens und viele andere. Kirchen, üppig in ihrer Pracht. Die Auslagen der Geschäfte in den golden und glitzern geschmückten Fenstern machen atemlos in ihrer Vielfalt. Dinge, die in ihrer kleinen Heimatstadt unerreichbar schienen, nach denen sie suchen und sie nicht finden würden, liegen hier vielfach nebeneinander und verlieren das Besondere. Nicht wegen der Kirchen, nicht wegen der schönen Dinge sind sie in dieser Stadt. Sie gehen auf den Wegen der Dichter und ihrer Freunde. Suchen ihre Spur inmitten der breiten Straßen, auf engen verwunschenen Pfaden, in Gassen und Hinterhöfen. Im kleinen Stadtteil, dem fünften Bezirk, Margareten heißt er, wie seine schmucklose Kirche, werden sie fündig. Hier war er Kind. Hier finden sie seinen Weg. Hier bewahrten die Pflastersteine seinen Schritt, Der Baum auf dem verlassenen Schulhof in der Volksschule in der Margaretenstraße 103, raunt seinen Namen. Hier klingt noch sein Lachen zwischen den alten Häusern und all seine Sehnsucht umhüllt sie.

Die Stufen zum Lesesaal der Universität gehen sie voll Andacht, betreten ergriffen den Lesesaal, sehen die Leseplätze, die brennenden Lampen darauf: einst spiegelten sie seinen Schatten auf blanker Tischplatte. Im Arkadengang die Büsten der Gelehrten, unter ihnen Hilde Domin, Schwester im Geist. Kastalia im Innenhof, Nymphe der Dichtung und Weisheit, schweigt in ihre Gedanken hinein.

Im Café Hawelka enges Stimmengewirr, Rauch und Worte und lange Vergangenes. Luftholen im Griensteidel. Der Pendler am Nebentisch pendelt das Essen aus, im Schwingen des Pendels schwingen seine Gedanken zu ihnen und mit ihnen die der Dichter, die sich vor Urzeiten hier trafen, deren Bücher noch heute in den Buchläden der Stadt zu finden sind.
Im Musikhaus, in der Oper, die uralten Töne von Mozart und Strauß, der Duft der Damen des Hofes - wie lange schon dort.
In der U-Bahn sieht sie ihr Gesicht in der spiegelnden Scheibe: wie nachdenklich die Augen - wo ist das Lächeln um ihren Mund?
Traumlos und dunkel die Nacht, durchdrungen vom Rattern der ersten Straßenbahn im Morgengrauen. Auf dem Bürgersteig vor dem Hotel nahende Schritte, verhalten für einen Moment vor der Tür, sie gehen weiter, verklingen mit der Nacht. Sie wünschte es wären die seinen gewesen.

Das Flugzeug startet in den verhangenen Himmel, lässt zurück das erwachte, adventsglitzernde Wien, trägt sie zur Heimat, zum lichten Tag, trägt auf seinen Flügeln ihre Sehnsucht, die niemals vergeht.

(c) Annette Gonserowski

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