Eigene Lyrik, Fotos und Bilder




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18. Mai 2006

Die Rinder


Kälbchen auf dem Bauernhof
Es macht mich traurig

Freuen kann ich mich nicht, wenn sie an einem späten Nachmittag im frühen Jahr plötzlich da sind. Sie wurden im Laufe des Tages gebracht, während ich arbeitete. Ohne vorherige Anmeldung - wie auch in den vergangenen Jahren. Niemand ist mir Rechenschaft schuldig, wenn er sie bringt. Sie gehören mir nicht und doch gehören sie zu meinem Leben, von dem Moment an, an dem sie den wackligen Anhänger verlassen.

Meist begegne ich ihnen zum ersten Mal in den frühen Abendstunden, wenn ich gemeinsam mit dem Hund die Landstraße begehe, die an ihre Weide grenzt. Nicht ich bin es, der ihr Interesse gilt. Ich bin nebensächlich. Lediglich der große, schwarzbraune Hund weckt ihre Neugierde. Schon laufen sie mit staksigen Beinen den Abhang hinunter. Man merkt ihnen an, dass sie die langen Wintermonate in einem engen Stall verbrachten. Sie laufen ohne Gleichgewicht, wackelig, die Beine steif wie Besenstiele. An dem Stacheldrahtzaun bleiben sie stehen, blasen dicke Atemwolken in die kühle Abendluft. Kinderhandtellergroße, schwarze Augen mustern uns über krumme Eichenpfähle hinweg. "Wuff", macht der Hund, springt zwei Schritte vor in Richtung des Zaunes. "Wuff!!" Er kennt dieses Spiel von vergangenen Jahren. Erschreckt springen die Rinder zurück, schauen erstaunt mit sanften Augen auf dieses unfreundliche Tier, begleiten unseren Weg bis zum Ende der Weide im gebührenden Abstand.

Nun sind sie da, schnuppern an Gänseblümchen, jeden Tag wird ihr Gang sicherer, verliert seine Steifheit. Oft tollen sie den Abhang hinauf und herunter, laufen die Kälte der noch jungen Tage aus ihrem Fell. Noch ist es stumpf und man sieht ihre groben Knochen deutlich darunter liegen.
So sollten sie bleiben, es würde ihr Leben retten.

Doch sie fressen die Weide von unten nach oben kahl, liegen träge im Schatten der hohen Bäume und schon nach wenigen Wochen glänzt ihr Fell wie Kupfer in der Sommersonne.

Ich halte Abstand zu ihnen, mache mich nicht vertraut. Ertrage nicht den Gedanken an ihren letzten Sommer. Doch sie gehen ahnungslos jeden Abend zur Tränke, laufen aufgeregt beim nahen Gewitter, die langen Schwänze hoch in den Himmel gereckt.

Dem Hund sind sie Alltag, kein Wuff mehr für sie.

Nach der Sommerwende werde ich unruhig. Sie haben die Kraft der Weide gebrochen, nur spärlich wächst Gras in der sengenden Sonne. Nun sind zu zu viele. Ich weiß das seit Jahren. Heimlich beginne ich sie zu zählen: Achtzehn, zwanzig, zweiundzwanzig...! Atme auf, weil sie vollzählig sind. Heute habe ich Glück gehabt. Wer weiß, wie viel Zeit bleibt....

Ab Mitte August, meist, zähl ich dann täglich. Zwölf, dreizehn, vierzehn, fünfzehn...!!!! Mit Panikaugen suche ich den Hang ab. "Sechzehn, achtzehn, zwanzig, zweiundzwanzig." Gott sei Dank, hinter dem Bergrücken kommen sie grasend hervor. Für heute beruhigt gehe ich weiter.
Wenige Abende später hör ich von weitem das Rufen eines Rindes. Ich versteh seine Sprache.
Unruhig läuft es am Zaun entlang, den Blick auf die Straße gerichtet. In diese Richtung muss es passiert sein.

Unruhig auch ich.

Ich zähle vergeblich: "Zwölf, dreizehn, vierzehn, fünfzehn...." Und noch einmal: "Zwölf, dreizehn, vierzehn, fünfzehn!!" Dort oben am Hang, das Dunkle dort! Es bewegt sich nicht. Ist es ein Rind?
Ich strenge die büromüden Augen an, verfluche die fehlende Brille, die nahende Dunkelheit.
Ein Gasbüschel nur...
Ich laufe zur anderen Seite des Berghangs. Auch dort sind sie nicht.
Nun weiß ich es sicher: man hat sie geholt, das ist nun ihr Ende.
Ich bin sehr traurig und wütend, hadere mit dem Bauern, dem Unholt, dem Bösen, zürne dem Fleisch fressenden Hund, bin wütend auf die Rinder, die Ahnungslosen, die fressen, als ging es nicht um ihr Leben.
Im Bett stopf ich mir Watte in die Ohren und doch verfolgt mich der Ruf des Rindes auch dort, wie es verlassen nach der Gefährtin ruft, die im Schlachthaus letzte Qualen leidet.

Von nun an sehe ich sie täglich, die Todesfahrzeuge. Blau oder auch grün sind sie gestrichen, Himmel und Gras vermittelnd. Die Bracken verstärkt und kurz unterm Dach Luftschlitze. Durch sie kann ich manchmal ihre Ohrenspitzen sehen, wie die langen Haarbüschel schimmern. Mir dreht sich das Herz, kaum kann ich es ertragen, wenn vor mir an der Ampel das Fahrzeug in den Federn schaukelt, wenn in ihm das gefangene Tier, geschunden, in Ketten gelegt, vergeblich gegen sein nahes Ende kämpft. In mir krampft alles zusammen, ich leide Qualen, schaue die Männer an, die diese Wagen fahren, wie sie freundlich lächelnd hinter dem Steuer sitzen. Wünsche sie zur Hölle.

Einige Tiere bleiben übrig. Sie bleiben bis zum späten Herbst. Zottelig ihr Fell, wenn sie steifgliedrig unter den nun blattlosen Bäumen Schutz vor der hereinbrechenden Kälte suchen. Dicke Tropfen hängen an ihren Nasen und in den stacheligen Haaren rund um das Maul Raureif. Nun verliert ihr Gang die Leichtigkeit des Sommers, das lange Winterfell an den Beinen verstärkt den Eindruck der Trägheit. Nun blicken sie traurig, erinnern sich des Stalles vom vergangenen Jahr.
Meist wenige Tage vor einsetzendem Schneefall sind auch sie fort.
Ich wünsche sie mir in den wärmenden Stall.

Doch donnerstags ist Rindertag im hiesigen Schlachthof und vor mir an der Ampel hält der grün-blaue Wagen, er schaukelt verdächtig in seinen Federn.

(c) Annette Gonserowski

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