Eigene Lyrik, Fotos und Bilder




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10. Juni 2020

Gedanken beim Blick aus dem Fenster


 geschrieben in der Coronazeit, März 2020





Gedanken beim Blick aus dem Fenster.

„Ja, ich bin zurück in  Deutschland,“  antwortete ich.
Nun liegt der Telefonhörer wieder in der Station und ich schaue sinnend aus dem Fenster.
Das Jubilieren eines Amselmännchen dringt durch das geklappte Fenster. Es sitzt auf dem höchsten Ast des Kirschbaums, dessen prallen Knospen im noch kühlen Wind wiegen. Es scheint die Sonne, die nicht die Wärme eines südlichen Sonnentags bringt.
Wieder fällt mir eine Zeile einer lieben Dichterfreundin ein, die einmal schrieb: „Sich der Illusion hingeben, die Vögel sängen nur für uns.“
Wie tröstlich dieser Gedanke, wo die gewohnte Welt um uns herum zusammenbricht. Ein tückischer, bisher unbekannter Virus wirft sein tödliches Netz über die Erde, reißt mit gierigen Fingern Menschen aus dem Leben. Zuerst waren es Menschen ferner Kontinente. Wir sahen es voll Interesse und leichtem Unbehagen in den täglichen Nachrichten. Noch war das Geschehen weit entfernt. Dann rückte es näher. Besorgt beobachteten wir  die sich täglich erhöhenden Ansteckungen in einem Land unseres Kontinents, schauderten beim Anblick der Toten, die mit Lastwagen aus den Krankenhäusern transportiert wurden. Wer konnte, flüchtete aus den Regionen, wohlwissend, dass das Virus keine Ländergrenzen kennt.
Wir waren in Spanien, diesem Land, das uns auch Heimat wurde. Noch fühlten wir keine Bedrohung. Wir streiften durch die Landschaft in Küstennähe der Costa Blanca, verloren uns im Zauber der Mandelblüte, die sich über dem Land ausbreitete, uns mit ihrem sanften Duft umhüllte. Nahezu täglich gingen wir am Meer. Gegen Abend war der Strand meist menschenleer, nur einzelne Spaziergänger mit ihren Hunden begegneten uns. Ein kurzer Gruß und wieder füllte das Branden der Wellen unsere Wahrnehmung. Wohltuende, lautvolle Stille, die nach innen drang, sich in uns ausbreitete, uns gelassen werden ließ. Der Schein der sinkenden Sonne, der sich in unseren Augen spiegelte, der den Wein in den Gläsern auf der Terrasse der kleinen  Strandbar schimmern ließ, wie oft war er die Krönung eines zufriedenen Tages. Das Treffen mit Freunden, die gemeinsamen Gespräche, wie fröhlich sie waren, wie selbstverständlich und oft spontan. Beim Einkaufen in der kleinen Tienda in unserem Örtchen, das beglückende Gefühl bereits erkannt zu werden. Der Besuch der Märkte, in denen Bauern die Produkte ihrer Felder und Plantagen anboten, wie heimelig es war. Dort der fremden Sprache zu lauschen, die wir uns mehr und mehr erobert hatten, und der Stolz, kleine Dialoge in ihr führen zu können.
Und immer wieder die gestillte Sehnsucht nach der Stille in den Bergen, die ähnlich der Stille in meiner Kindheit auf dem Gehöft im Sauerland war, die damals nur durch das Nahen eines Pferdefuhrwerks unterbrochen wurde und die sich wieder im Tal ausbreitete, wenn das Klappern der Pferdehufe verklungen war. Die Stille in den Bergen hinter der Costa Blanca, in der die Berggipfel zu singen begangen, wenn der warme Wind über sie strich und uns wärmte.
Wir verließen Spanien am geplanten Ende unseres Aufenthaltes mit dem Flugzeug. Wie bedauerte ich, die Rückreise nicht mit dem PkW antreten zu können, denn obwohl ich oft gestöhnt hatte ob der langen Reise, so hatte ich doch viele Stationen liebgewonnen, erwartete sie auf der Hinreise mit klopfenden Herzen, aufmerksam, um  sie nicht zu verpassen. Der grandiose Anblick des sich ausbreitenden Tales, wenn man bei Pont du Gard und Remoulon sich ihm aus einer Erhebung näherte. Das Castillo de Salses im Süden Frankreichs, danach die Baumgruppe auf freiem Feld, hinter der sich die schneebedeckten Kuppen der Pyrenäen erhoben. Dann war die Grenze Spaniens nicht weit. Der erste Café con leche in einer Raststätte, die vertraute spanische Sprache. Und dann die Vorfreude auf das Ziel an der Costa Blanca, das zur zweiten Heimat wurde.
Und nun sitze ich hier im Sauerland, die Gedanken pendeln vom Gestern ins Jetzt. In beiden liebgewordenen Ländern wütet das Virus. Die Bedrohung ist um uns. Längst wurden Regeln und Vorsichtsmaßnahmen durch die Regierungen verhängt. Kein spontanes Treffen mit liebgewonnen Menschen, Bedrückung beim raschen Einkauf im Supermarkt mit gebührendem Abstand.
Stille auch hier in der industriellen Region, die sonst mit Geräuschen der Industriebetriebe und des fließenden Verkehrs erfüllt ist und den Flugzeugen, die die Flughäfen Köln und Düsseldorf anfliegen: kaum ein Flugzeug durchbricht die Ruhe des Waldes, den ich nahezu täglich aufsuche, kaum ein Mensch kreuzt unseren Weg. In unserem sauerländischen Städtchen  gespenstige Leere auf den Straßen, die Restaurants und viele Läden geschlossen, viele Firmen stellten ihre Produktion vorübergehend ein, viele Menschen befinden sich in Kurzarbeit. Ganz viele bangen um ihre Existenz. In den Wohnungen Homeoffices und viele Kinder, deren Kitas geschlossen wurden. Sorge und Unglück allerorts. In beiden Ländern Infizierte, Tote und Genesene. In beiden Angst, Trauer und Hoffnung.
Zeit innezuhalten. Danach wird nichts mehr sein wie vorher. Unglück und Chance zugleich?

So verliert sich mein Blick in den Zweigen des Kirschbaums, durch den ich im Rauschen des Windes die Wellen branden zu hören meine. Es entstehen Bilder der Mandelblüte und geschäftigen Markttreibens. Ich denke an Freunde, Verwandte und seelennahe Menschen, auch an die Menschen, die Unglück erreichte. Denke an die spontanen Konzerte auf den Balkonen in vielen Ländern, in denen Dank gezollt wird denen, die für unser Wohl sorgen und dafür arbeiten. Ich denke an das Klavierspiel eines Schriftstellerfreundes, der via Telefon die Arie Nabucco für mich musizierte.
Es wird mir bewusst, was wichtig ist und wie wenig wir brauchen, um glücklich zu sein.
Ich werde demütig, bin glücklich, in diesen Bilder verweilen zu können. Bin dankbar, noch gesund zu sein und meinen Mann seit vielen Jahren an der Seite zu haben.
Die Hoffnung, all diese wunderschönen geistigen Bilder  wieder erleben zu können, keimt wie ein zartes Pflänzchen in mir.

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