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8. Juli 2006

Wienbesuch

für Gitti, die die Liebe zu Wien mit mir teilt

Er schwebte aus lichtweißen Wolken, über denen die Sonne hell und strahlend in den Tag schien, der schon erwacht war, am Horizont.
Er träumte der Landung entgegen und dass sie dort warten würde, inmitten der Menge oder abseits stehend, ernst, die Arme verschränkt vor ihrem Herzen. Er wollte sie am Blick erkennen, wie sie forschend schaute, ein wenig erwartend.
Er fragte sich, ob sie ihn mögen würde? Würde sie die Arme öffnen, zögernd, erkennend und scheu?
Er fragte sich: Würden sie sich mögen?
Die Erde war grau, die ihn empfing, kein Herz schlug ihm entgegen. Er verwehrte seinem Blick nicht, sie zu suchen, für den Bruchteil einer Sekunde und den Traum freizulassen, dem Herzen die Schwere zu nehmen.
Aus dem Fenster des eilenden Busses sah er die Häuser an, die rechts und links der Straße beim Nahen Konturen annahmen. Sie hatten sie gesehen, ganz sicher, vor ewigen Zeiten. Was würden sie erzählen, wenn er sie fragen würde?

Vom Fenster des Hotelzimmers sah er auf ihre Stadt. Wie sie sich breit ausdehnte zum Horizont, wie sie sich schmiegte, an das Dunkel des Waldes gen Osten.

Dies also war ihre Stadt, die ihr Heimat war in Kinderzeit.
In der Zeit, in der sie tollte, ungezähmt durch Straßen von Margareten, wo ihr Lachen in den Hinterhöfen schallte und sie es bewahrten.
Heimat in der Zeit, in der sie in Richtung des Schulhauses in der Margarthenstraße 103 strebte, wo die alte Eichentür in ihren Angeln knarrte und die Platane auf dem Schulhof durch ihre lichten Zweige ihre Träume freigelassen hatte in das Himmelblau.
Wo die Fenster der Hauszeile gegenüber das Leuchten ihrer Augen eingefangen hatten.

Auf das Dach des Hauses vor dem Hotelfenster fiel Nieselregen, tauchte den Horizont in verschwommenes Grau. Nun fror er allein hinter der Scheibe, die den Lärm der Straßen unwirklich machte.
Das Taubenpaar auf dem Dach unter ihm ließ sich vom Nieselregen nicht stören. Mit gespreizten Flügeln umgurrte der Täuberich die Taubenfrau mit den Lauten der Liebe. -

Er stieg in die dunklen Tiefen der U-Bahn, ließ sich verschlucken von der Menge, ließ sich mit ihr treiben. Er sperrte Augen und Ohren auf, sah in Augen, die ihm fremd waren, hörte Stimmen, die nicht nach ihm riefen und die doch ihre Sprache hatten. Als er ans Licht trat, erwachte die Sehnsucht. So legte er sein Ohr an prunkvolle Mauern , suchte für seine Sehnsucht eine Nische als Bleibe.
Einsam und ziellos klangen seine Schritte auf dem Kopfsteinpflaster der Straßen, durch die noch ihr Atem wehte.
Er wünschte, sie wäre es, die vor ihm ging. Er wollte sie erreichen, schnellen Schrittes, sie von hinten umarmen und ihre Augen bedecken mit seinen Händen. Wenn sie sich umdrehen würde, wollte er lachen in ihren Blick, voll Freude und Erkennen. Wollte ihre Augen sehen, wie sie dunkel wurden vor Freude, wollte ihre Stimme hören, die lachte in seine Worte.
Sie war es nicht und so träumte er jeden Menschen von den Tischen des Hawelka fort, bis er allein war, verschloß seine Ohren vor dem Wirrwar der Stimmen, holte ihr Bild vor seine Augen. Hier wünschte er die Welt zu vergessen und die Menschen, die Geräusche, das fremde Licht. Hier wollte er ihr nah sein und lauschen, wie ihre Stimme verstummte und die Worte überflüssig wurden.
Vom Balkon der Hofreitschule sah er, wie die Pferde leichtfüßig wurden, wie sie tanzten, voll Anmut, wie ihre Hufe fußten und abfußten vom federnden Grund, wie sie Flügel bekamen, seine Gedanken aufnahmen und sie leicht machten. Sein Herz schlug im Gleichmaß der Musik, anmutig und frei.

In der Universität stieg er die marmornen Treppen hinauf, betrat voller Andacht und Achtung die Bibliothek, die noch ihre Gedanken beherrbergte. Hier saß sie vor ewigen Zeiten, lesend und lernend, auch träumend und sehnend. Hier wollte er bleiben, für eine kurze Zeit, ihrem Herzschlag nachspüren.
Für die Strudlhofstiege fand sie Worte und so suchte er diese. Lief sie hinab und herauf, atmete den Geist ihrer Zeit, von dem schon Doderer schrieb. Fand keine neuen Worte.
Im Restaurant, das ihre Nähe atmete, war der Wein rot wie sein Mund, der heute die Farbe der Liebe trug. Die Botschaft des Weines an ihn: "Verlier Dich in mich...", vernahm er, doch er fand nicht den Mut. So orderte er für das Prickeln eine Flasche der Vöslauer Quelle.
Im Museumsquartier spürte er: "Sie war hier", schaute Schieles Lyriker fragend in die Augen. Doch der verschwieg ihm ihr Dagewesenein.
Einen Kuss der ganzen Welt und auch ihm ließ Klimt in den Mauern der Secession. Laut hallte sein Herzschlag durch die leeren Wände aus getünchter Pappe.
Ihre gemeinsamen Worte fand er hinter den prächtigen Mauern der Nationalbibliothek, wo ihre Heimat ist, auf Lebenszeit.
Er fror, als er sie lassen musste und weiterziehn. Keine Hand, die ihn führte, keine Hand, die ihn wärmte. So ging er zu Röckl und kaufte Handschuh und Wärme aus gesponnener Wolle.

In edlen Zwirn gehüllt suchte er sie im Glanz der Kristallleuchter der Staatsoper. Seine Sehnsucht vertraute er der Stimme des Tenors an, der sie voller Leidenschaft für ihn sang.

Er schlief traumlos in dieser letzten Nacht, verließ ihre Stadt im Morgenlicht mit Wehmut und dem Versprechen auf Wiederkehr.

(c) Annette Gonserowski

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