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19. April 2006

Erinnern

Gewidmet: den Ärzten, die meinen Mann behandelten, ganz besonders unserem Freund Hartmut

Die Berge lagen dunkel gegen den Horizont, über den der Himmel gen Westen purpurn im Abendrot leuchtete.
Gen Osten, im Widerschein, zogen einzelne Wolken. Sie teilten den Himmel, wie Zeilen eines Gedichtes über die Liebe.
Sie saß in ihrem Auto und fuhr über die Autobahn. Bei der nächsten Abfahrt mußte sie diese verlassen. Nur wenige Minuten später würde sie die Klinik erreichen. Was mochte sie erwarten?
Man hatte sie angerufen.
Man hatte gesagt, ihr Mann sei schwer verletzt.
Man hatte gesagt: er wäre im Krankenhaus, sie solle schnell kommen.
Mehr wollte man nicht sagen.
Sie fuhr zügig, aber gelassen. Die Worte waren nicht bis zum Herzen vorgedrungen.
Nur einmal durchzuckte sie der Gedanke: "Was wäre, wenn ...?"
Der Mut verließ sie nicht, als eine Ärztin zu ihr trat und sie aufklärte: " Er wird es nicht überleben" - sie glaubte ihr nicht.
Als der Freund, selbst Arzt und herbeigerufen, strammen Schrittes hinter der Tür verschwand, hinter der der Verletzte lag und wiederkehrte mit schleppenden Schritten, da verließ sie der Mut.
Sie ließ man nicht zu ihm.
Sie konnte nur fassungslos seine Beine erblicken, als man ihn auf der Trage in den Hubschrauber lud, der ihn in die Spezialklinik bringen würde.
Seine Beine, die sie so liebte, bloß und nackt lagen sie auf der Trage.
Diese sah sie, bevor man den Arm um sie legte und zur Seite führte.
Seine Beine - die sie fasziniert hatten, beim Kennenlernen. In maßgeschneiderter Hirschlederreithose und engen Reitstiefeln wirkten sie damals atemberaubend und endlos lang.
Diese Beine sah sie.
Ihn ließ man sie nicht sehen.
Sie sah ihn am nächsten Tag, als die Ärzte nach stundenlanger Operation sein Leben erhalten hatten. Nein, - er war noch nicht über den Berg. Das sagte der Arzt, den man ihr zur Seite gestellt hatte, bei dem ersten Besuch an seinem Bett und danach bei vielen weiteren Besuchen.
In diesem Bett lag er, angeschlossen an laut piepsende Monitore und Aufzeichnungsgeräte, die jegliche Regung seines geschundenen Körpers erbarmungslos deutlich machten.
Nackt und bloß, die Arme und Beine mit Schlingen fixiert, Schläuche am Kopf und an vielen Stellen des Körpers, die Augen rot und prall wie kleine Tomaten vor dem Kopf. Schädelhirnverletzung.
Der Arzt schaute sie an, mit intensivem Blick: "Das menschliche Gehirn ist regenerierungsfähig".
"Das menschliche Gehirn oder speziell das meines Mannes?" Sie schaute ihn fragend an.
"Das menschliche Gehirn generell..."
Und sie nahm ihn beim Wort.
Und sie wußte: dieser Arzt meinte das Gehirn ihres Mannes, kein anderes, seines würde regenerieren..
So überstand sie Tage und Nächte, in denen sie nicht schlafen konnte, die sie im Sessel sitzend verbrachte, weil die Gedanken zu schwer waren und zu umfangreich, um in ihrem Kopf Raum zu finden, oder ihn auf ein Kissen zu betten.
Als man den Verletzten nach zwei Wochen erwachen ließ, riß er an den Fesseln, kannte sie nicht, nicht Worte, um dies zu benennen.
"Dies ist das typische Aufwachsyndrom - nichts Unnormales.." Die Ärztin wandte sich wieder ihrer Arbeit am Nebenbett zu.
"Wie lange dauert es denn, dieses Aufwachsyndrom?" Zagfthaft schaute sie zur Ärztin.
"Das Gehirn eines jeden Menschen ist anders.Jede Verletzung ist anders. Was leicht erschien, ist nach dem Erwachen schwer, was irreparabel erschien, erweist sich später als hoffnungsvoll. Es kann zwei Wochen dauern oder nie vergehen. Niemand weiß das.."
Da versagten ihr die Füße und der Mut, so setzte man sie auf einen Stuhl, schob ihn an sein Bett. Sie legte ihr Gesicht nah seinem Körper, roch den vertrauten Duft seiner Haut, weinte still in die Kissen. Da kam die gefesselte Hand, kaum reichten die Finger zu ihrem Gesicht, berührte sanft ihre tränennasse Wange.
Da kam der Mut zurück und die Hoffnung in ihre Augen.
Wenige Wochen später setzte man ihn an das Fenster, damit er schauen konnte, wenn sie das Auto auf der Straße gegenüber in die Parklücke fuhr.
Sie sah das Fenster im dritten Stock. Meist war die Gardine zur Seite gezogen und sein Kopf, nun schon von den Verbänden befreit, schmal geworden und fast so klein wie ein Kinderkopf, war hinter der Scheibe zu erkennen.
Sie hatte ihn im Blick, wenn sie winkend die Außentreppe hinauflief, leicht bis zum ersten Stock, dort über die Plattform lief, hin zu der zweiten Treppe, winkend aus seinem Blickwinkel verschwand und auch ihn erst wieder sah, wenn sie die letzte Treppe hinaufging, nun schon langsamer geworden und oft verzagt.
Sie erkannte er, erinnerte sich ihres Names, erinnerte sich ihrer Vertrautheit - aber Anderes war ihm fern, lagerte in Nebelwänden. Sie sprach mit ihm, erzählte Geschichten vom Meer und der Brandung, bedeckte die trockenen Lippen mit Küssen , erzählte vom Geschäft und blühenden Gärten, von Oma und Vater und Hund und dem Flugzeug am Himmel, das er doppelt sah.
Er schaute sie stets mit fragenden Augen an, erkannte ein Wort. Und vergaß es.
Am nächsten Tag erkannte er zwei Wörter, behielt eins im Gedächtnis. Am weiteren Tag erkannte er noch eins und behielt es im Herzen. So gesellte sich Wort an Wort. Er hangelte sich an den Worten heraus aus dem Nebel, glitt wieder mit ihnen zurück, wenn sie den Halt verloren.
Am Arm des Pflegers durfte er die wenigen Meter bis zur Toilette gehen, niemals weiter und niemals allein. Er wußte genau, was hinter der Wand neben seinem Bett war.
Sie parkte den Wagen gegenüber des Fensters, nun schon erschöpfter. Ging langsamer die erste Treppe hinauf.
Da sah sie ihn.
Sah seinen Kopf, den sie so liebte, schemenhaft und zart hinter der Scheibe. Ihr Herz schmerzte, wenn sie ihn sah. Sie winkte ihm zu und sich Mut in ihr Herz. Ihre Füße wurden schneller: sie winkte mit beiden Armen, erreichte die erste Plattform. Wieder winkte sie, ging weiter, das Fenster entschwand ihren Blicken, er entschwand ihren Blicken und mit ihm der Mut. Ihr Herz schlug mühsamer, Sorgen über Sorgen und Müdigkeit lasteten schwer auf ihr.
Bei der nächsten Treppe kam das Fenster wieder in ihren Blick.
Sie erschrak: das Fenster war leer, die Silhouette seines Kopfes verschwunden!
Sie lief atemlos die Treppe hinauf, Stufe um Stufe schneller werdend, zur letzten Plattform. Die Stufen wollten nicht enden.
Sie stieß die Tür auf.
Der Gang im Innern des Hauses schien endlos. Sie rannte ihn entlang.
Atemlos riß sie die Zimmertür auf und da hörte sie es: der Motor seines Rasierapparates summte.
Ihr Herz schlug wild.
Sie machte die Badezimmertür auf: da sah sie im Spiegel seine Augen.
Sie strahlten sie an, aus tiefen Augenhöhlen im kahlen Schädel...
*Fühl mal... meine Wangen.. ganz glatt. Sie kratzen Dich nicht..."

(c) Annette Gonserowski

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