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22. April 2006

Wien


Wien-Margareten- Margaretenplatz

für Vienna

Er war in ihrer Stadt.

Vom Westbahnhof aus nahm er die U-Bahn. An der Station Pilgramgasse stieg er aus. Die Türen des Zuges schlossen sich quietschend, bevor er in Richtung Hütteldorf entglitt.

Er war angekommen in dem Stadtteil, den er als den ihren betrachte. Hier hatte sie ihre Kindheit verbracht.

Niemand erwartete ihn. Er schloss sich der eilenden Menge an, stieg die ausgetretenen Stufen der Steintreppe hinauf. Der Trolli wog schwer in seiner Hand. Mit der freien Hand berührte er die steinernen Blumen an den Wänden: Margareten begrüßte ihn. Draussen fiel Nieselregen in feinen Strichen, spiegelte die Lichter des Adventsschmuckes auf der regennassen Straße, verdoppelte sie. Wien strahlte Zauber aus.

Aus dem Fenster des Hotels an der rechten Wienzeile fiel sein Blick in einen kleinen Hinterhof, über den der Himmel als dunkles Quadrat sichtbar war. An der Hauswand gegenüber fröstelte eine einsame Geranie in einem Blumenkübel in dem Regen. Eine Treppe führte vom ersten Stockwerk hinunter ins Freie. Die Gardinen an der Terrassentür waren zur Seite geschoben, eine Frau schaute zu ihm herüber, zog sich ins Zimmer zurück, als ihre Blicke sich begegneten.
Er hatte sie nie gefragt, ob sie von ihrem Zimmer in einen Hinterhof geschaut hatte. Vieles hatte er sie nicht gefragt, weil es nicht wichtig war. Heute waren es diese fehlenden Kleinigkeiten, ohne die sich nun ihr Leben für ihn im Nebelgrau verlor.

Er schlief traumlos in dieser ersten Nacht. Am Morgen weckten ihn Schritte, die sich im Flur seinem Zimmer näherten. Für den Bruchteil einer Sekunde wünschte er, dass es ihre Schritte sein würden. Er wünschte sich , dass sie vor seiner Tür innehalten und sie bei ihm sein würde. Aber die Schritte stockten nicht vor seiner Tür, gingen weiter, entfernten sich, verhallten in dem langen Gang, der zum Aufzug führte.

Beim Frühstück im großen Saal ließ er sich von der Stimmenvielfalt umhüllen, versuchte den Tonfall zu erhaschen, der ihn wienerisch anmutete. Wienerisch - diese charmant-leichte Sprache, mit der sie zu ihm gesprochen hatte, die seitdem in seinen Ohren klang, wann immer er daran dachte.

Als er die Straße betrat und in die Pilgramgasse einbog, regnete es noch immer. Das Prasseln des Regens auf seiner Wachsjacke mischte sich mit seinem Herzklopfen. Sein Herz schlug schneller, schien mehr Raum zu beanspruchen. Zum ersten Mal war er in ihrer Stadt, ging auf Wegen, die sie gegangen war, viele Male. Ihr Kinderbild entstand verschwommen vor seinen Augen.

Einmal hatte sie ihm geschrieben: "Ich war ein stilles Kind. Wahrscheinlich bin ich heute darum so unbändig..."
War sie unbändig? Er wußte es nicht.
Die Worte, die sie ihm schreib, waren voller Zartheit und Zauber, voller verhaltener Melancholie. Nur ihre Worte kannte er. Ihre Worte, die er liebte, die ihn träumen ließen, ihn hellwach machten, die er mitnahm in seine Träume, in seinen Tag, mit denen er lebte und die ihn letztendlich losfliegen ließen in ihre Stadt, die sie liebte.

Wenn er in Wien sein würde, hatte er gedacht, würde er folglich in ihrer Liebe sein, würde sie ihn mit der Stadt lieben, für die Zeit seines Dortseins.

Sie lebte nicht mehr in dieser Stadt, hatte sie lang schon verlassen. Aber sie würde wiederkommen, hatte sie geschrieben. Sie hatte geschrieben: "Man kann eine Wienerin aus Wien entfernen, aber niemals Wien aus dem Herzen einer Wienerin."

Und nun war er in ihrer Stadt, ging den gleichen Weg, den sie wohl tausend Mal und mehr gegangen war. Es war wie Angekommensein. Zum ersten Mal war er an einem Ort, an dem sie gewesen war.

Der Wind, der durch die Straße fegte, schien ihren Atem zu tragen. Er ließ sich von ihm vorwärtstreiben, ging auf der Pilgramgasse in Richtung des Margaretenplatzes.
Margarete auf ihrem Sockel am Brunnen schaute mitleidig auf ihn herab. Aus ihren Haaren tropfte der Regen. Der Drache, bezwungen und zahm, wand sich zu ihren Füßen.
Er schaute Margarete an, hielt stumme Zwiesprache mit ihr: "Margarete, bitte erzähle mir von ihr." Doch Margarete schwieg beharrlich in den Morgen.
Er betrachtete den Brunnen zu Margaretens Füßen, aus dem kein Wasser rann. Wenn das Wasser laufen würde, würde es wie ein Wasserfall plätschern.

Ein Wasserfall... Ob sie sich wohl erinnerte? Sie hatte ihm einmal einen Wasserfall geschenkt, damit er an sie denken sollte, wann immer er zu einem Wasserfall kommen würde.
Er hatte ihr einen Tautropfen geschenkt. Ob sie das noch wußte? Wie würde sie ihn finden, den Tautropfen, in dieser großen Stadt?

Er hielt Ausschau nach seinem weiteren Weg. Das prächtig geschmiedete Gittertor verwehrte ihm den Einlaß in den Margaretenhof. Wäre er Postbeamter, wie einst ihr Vater, so könnte er Briefe in jeden Briefkasten der unzähligen Häuser werfen. Vielleicht würde ein Brief sie erreichen und die Worte darin, die er ihr niemals gesagt hatte. Vielleicht würde er diese Worte schreiben, würde schreiben, wie gern er sie hatte.

Er bog nach rechts in die Margaretenstraße ein. Nun wurden seine Schritte langsamer.
Dies war ihr Schulweg. Gern wird sie ihn gegangen sein, wißbegierig und voller Freude. Das hatte sie ihm erzählt.

Laut hallten seine Schritte auf dem Pflaster des Bürgersteiges, verfingen sich in den Häuserzeilen. Sein Herz klopfte lauter: hier irgendwo mußte ihre Volksschule sein. Vor dem Haus Nr. 103 blieb er stehen. Er war bei bei ihrer Schule angekommen. In Stein gehauen las er es: Volkschule. Das schwere Eichenportal war geschlossen. Die eiserne Türklinke der kleineren Tür daneben drückte er mit zitternden Händen. Die Tür öffnete sich, gewährte ihm Einlass in ihre Kindheit. Über das Kopfsteinpflaster des Rundbogenganges betrat er den Innenhof. Er war auf dem Schulhof angelangt. Der Regen tropfte von den mächtigen Zweigen der alten Platanen auf die verwaisten Bänke. Auf dem nassen Pflaster des Schulhofes schimmerte das Grau des Himmels.

Er war bei ihr angekommen.

Er achtete nicht auf die Nässe, setzte sich auf die Bank, deren verwitterte Bohlen ihn einluden, zu verweilen. Er schaute zum geöffneten Eingang der Schule, der im Gebäude am Ende des Schulplatzes zum Eintreten einlud. Nein, er durchschritt ihn nicht, widerstand der Versuchung.
Unter dieser alten Platane war er ihr nah. Diese hatte sie gesehen, hatte ihr Lachen gehört, ihre Ausgelassenheit, ihren Zorn. Auch ihre Schüchternheit wird sie erkannt haben, ihre Traurigkeit, wenn andere Kinder kleine Figuren aus den Überraschungseiern tauschten, die sie niemals besaß. Ihre Kindheit war karg und das Geld war knapp gewesen. Aber sie hatte diese Schule verlassen und das Gymnasium in Margareten auch dann besucht, als sie längst schon in einem anderen Bezirk gewohnt und die Straßenbahn sie laut ratternd hierhin zurückgefahren hatte.
Die Blätter der Platane bewegten sich schwer in der Nässe, er verstand ihre Sprache nicht. Von ihnen erfuhr er nichts Neues. So hing er seinen Gedanken nach, bis die Kälte durch den festen Stoff der Jacke kroch und ihn schaudern ließ. So brach er auf, betrachte noch einmal die Mauern, die ihr Lachen bewahrt hatten, ihre Nähe und nun auch seine Sehnsucht aufnahmen, zwischen die Ritzen des verwitterten Putzes.

Als er die Straße betrat, erhaschte er den Blick einer alten Frau, die, auf einen Stock gestützt, mühsam aus der Haustür trat. Wie lange wohnte sie in diesem Haus? Wieviele Jahre? Vielleicht hatte sie sie gesehen, als sie täglich die Schule verließ. Vielleicht hatte sie ihr Bild in ihrem Herzen bewahrt.

Er fragte sie nicht.
Er ging langsam den Weg zurück zum Margaretenplatz.
Die niedrigen Biedermeierhäuser an seinem Weg erzählten ihm lange Geschichten, so dass er sie verweilend betrachtete.

Er war in sich gekehrt, ging auf ihren Wegen, die ihm nah und vertraut waren im Unbekannten, auf denen er die Spur berührte, die sie dort zurückgelassen hatte auf alle Zeit, zu der auch er zurückkehren konnte, wann immer er es mögen würde.

Nun wünschte er sich ihre Hand, die ihn sicher führen würde auf diesem Weg, der soviel Nähe in sich trug und schmerzliches Vermissen. Er ging an ihren Worten entlang, hangelte sich mit ihnen von Häuserzeile zu Häuserzeile, während der Regen unablässig vom Himmel tropfte.

Beim Silberwirt hielt er erschöpft inne, stärkte sich mit der Kost des Landes, trank für das Prickeln einen Schluck von der Vösslauer Quelle und fühlte sich allein.

Am anderen Tag verließ er Margareten, verließ Wien mit dem Flugzeug gen Norden, verließ die Wärme der Stadt, tauchte ein in die Kälte der kargen Heimat.

(c) Annette Gonserowski

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