Ich möchte über eine Begegnung erzählen. Genauer: über einen Dichter.
Ihm begegnete ich bei den „3.rd international Poetry days“ in Famagusta auf Nordzypern.
Zum zweiten Mal war ich zu einem Lyrikertreffen auf die Insel eingeladen
worden. Waren beim ersten Lyrikfestival 16 Teilnehmer, so war es dieses Mal
eine überschaubare Zahl. Es waren ein Lyriker aus Mazedonien, einer aus
Italien, die Organisatorin aus Zypern, eben dieser Dichter aus Ankara über den
ich schreiben möchte, und ich. Wir fünf füllten das umfangreiche Programm
dieses Treffens. Wir lasen unsere Poesie im „Rauf Raif Denktas Kültür ve
Kogne Sarayi“ mit und vor weiteren Schriftstellern und Schülern. Auch in der
Eastern Mediterranean University in Famagusta brachten wir unsere Poesie den
Studenten und Professoren nahe, sprachen mit ihnen darüber, übersetzt durch
Beste Sakalli, die dieses Treffen zum wiederholten Mal ins Leben gerufen hatte.
Beste Sakalli ist eine preisgekrönte Lyrikerin, die lange Zeit eine eigene
Poesie-Sendung im TV hatte.
Nun zu dem Dichter aus Ankara, Ahmet Telli. Ein stiller Mensch, wie viele
Dichter es sind. Wir, die Lyriker – und ich schließe mich da ein - reden
weniger über unser Innenleben, wir schreiben es uns oftmals von der Seele.
Ahmet Telli sprach ausschließlich türkisch, ich deutsch. Wir hatten keine
gemeinsame Sprache, in der wir uns austauschen konnten. Und doch gehören die
gemeinsamen Zeiten zu zweit zu den schönsten Erinnerungen. Zum Beispiel die Frühstücke,
die wir als Frühaufsteher gemeinsam miteinander verbrachten.ten Erinnerungen.
Wir verstanden uns über die Blicke unserer Augen und unser Lächeln. Er brachte
mir Köstlichkeiten vom umfangreichen Frühstücksbüffet an den Tisch, die ich
offensichtlich unbedingt probieren sollte. Ich füllte seine Tasse mit duftenden
Tee. Lächelnd und still. Dieses Lächeln sagte alles: Verstehen, Nähe und
Wertschätzung.
Beim Erkunden der geteilten Insel war er oft an meiner Seite, auch beim Empfang
beim Bürgermeister von Famagusta, ruhig und zurückhaltend. Natürlich lasen wir
gemeinsam. Ich mochte den Klang seiner Stimme, wenn er seine Gedichte vortrug,
deren Inhalt ich nicht kannte, aber spürte.
Am Abreisetag war mein Rückflug für 7.00 Uhr morgens geplant, was bedeutete,
das ich viel früher am Flughafen sein musste. Er bestand darauf mich zu
begleiten. Er ließ mir sagen, dass er es nicht möchte, dass ich allein zu
dieser Zeit im Flughafen sein müsste.
So wartete er mit mir gemeinsam um 4 Uhr auf den Abholdienst
zum Flughafen,
Er war behilflich beim Einchecken, begleitete mich in den Dutyfree-Shop und
empfahl mir den „besten türkischen Raki“, den ich meinem Mann mitbringen
wollte.
Er hat mich durch seine liebenswerte Art berührt, ohne auch nur eines seiner
Gedichte verstanden zu haben. Aber die Art seinen Vortrags, die war wunderbar.
Was er mir sagen wollte, habe ich sehr wohl verstanden.
Heute erhielt ich die Nachricht von seinem Tod und eines seiner Gedichte.
Indem ich über ihn und unsere Begegnung berichte, möchte ich
ihn ehren und ihm danken. Aber ich möchte auch deutlich machen, wie bereichernd
und glücklichmachend die Begegnung und der Austausch mit Gleichgesinnten ist.
Hier das Gedicht von Ahmet Tiller:
"Bei diesem Regen vermisse ich dich
Hier regnet es
Es regnet seit Tagen ununterbrochen.
Doch komm trotzdem mit dem ersten Bus.
Ohne deinen Regenschirm.
Sanft zeichne ich dein Gesicht nach
auf den beschlagenen Fensterscheiben –
und dein Gesicht verwandelt sich
in einen Regentropfen
und fällt auf die Blätter.
Dann müssen wir gemeinsam gehen,
du und ich;
wir müssen hinaus auf die Straßen und Alleen treten.
Vielleicht ist es die Liebe,
die die Erinnerung an diese Stadt zurückbringt.
Es regnet hier, doch du –
komm trotzdem ohne deinen Regenschirm.
Dieser wilde Wolkenbruch lässt mich dich vermissen;
er lässt mich dich vermissen - klatschnass -, weißt du?
Selbst Rosen vermögen dieses lange,
dunkle Schweigen der Stadt nicht zu brechen;
Die Straßen verlieren ihre Erinnerungen,
die Lichter der Boulevards werden geschäftsmäßig,
und auch die Geschichte stottert bisweilen –
Denn die Liebe ist es, die es dann weiß;
und Liebe gleicht dem Gehen,
dem Hören auf das Kommen der Vögel.
Wenn wir das Gedächtnis dieser Stadt sind,
wenn wir die Lieder sind, die sie vergessen hat,
dann müssen wir –
unseren Schmerz der Obhut einer Rose anvertrauend –
sie uns alle ins Gedächtnis rufen,
eines nach dem anderen.
(C) Ahmet Tiller"
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